// Was ist ex oriente?

So sah die erste Printausgabe aus

So sah die erste Printausgabe aus

ex oriente ist im Oktober 2005 zuerst als Zeitschrift am Institut für Arabistik und Islamwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster erschienen. Leider fehlte es an Mitarbeitern, sodass das Projekt in Printform eingestellt werden musste. Trotzdem danke ich den damals Beteiligten für Ihre Ideen, ihre Kraft und ihre Zeit und auch den Lesern. Ich selbst wollte mich damit nicht abfinden, denn die Mischung an Themen und die vielen Geschichten über den Orient waren in dieser Form einzigartig, sodass ich mich entschlossen habe selbst eine Internetpräsenz zu gründen, die sich dem Orient und dem Islam widmet. An die Printausgabe erinnert der gleiche Name, sowie unser Logo, welches von Iyad Shraim entworfen wurde und in kalligraphischer Form den Schriftzug “min aš-šarq”, also “ex oriente” wiedergibt. Zwar kann man durch diese Form viele Menschen erreichen und viel Arbeit selbst erledigen, aber es geht hier auch um Ideen, ihre Ideen. Also ist jeder herzlich eingeladen mit Beiträgen an dieser Website mitzuwirken. Doch möchte ich im Folgenden einmal meine Beweggründe darlegen, da viele Menschen sich/mich fragen: Warum beschäftigst du dich mit dem Islam? Bist du Muslim? Wirst du Muslim?

Warum noch ein Weblog? Ich kann doch auch den Fernseher anschalten!

Richtig, aber der Fernseher ist wenig interaktiv und versetzt Sie nicht in Aktivität, sondern verlangt von Ihnen lediglich ein offenes Ohr für standardisierte Nachrichten ohne Hintergründe und echte Meinungen. Und das ist der Punkt: Nicht alles, was Sie hier lesen werden, wird Ihnen gefallen, weil es eben meine Meinung ist. Ein Blog ist eine großartige Möglichkeit sich ein Stück Meinungsfreiheit zurückzuerobern. Das ist gut so, richtig und wichtig. Der nächste Schritt wäre ein Austausch von Meinungen. Mein Ziel ist nicht Meinungsmacherei, sondern die Setzung von Impulsen und Denkanstößen. Warum werden bestimmte Dinge nicht gesagt? Warum werden sie gesagt, wie sie gesagt werden. In welchem Detail steckt der Fehler in einer Geschichte?

Wir leben in Zeiten der Informationsflut. Eine Errungenschaft unserer Gesellschaft ist, dass wir eine freie Berichterstattung haben und uns unseren Informationsdurst aus verschiedenen Quellen stillen können. Diese Freiheit ist aber nur oberflächlich gewährt, denn wenige Medienkonzerne bestimmen den Markt und Nachrichtenmeldungen sind inzwischen Wirtschaftsfaktoren nach dem Motto: “Der Killer-Tsunami in Südostasien” bringt mehr Auflage als ein Bericht über Max, der an einen Schüleraustausch teilnimmt. Genauso ist Dieter Bohlens Suche nach dem singenden Superstar eher ein Garant als eine Korruptionsaffäre im Konzern XYZ. Bei der Vielzahl an Quellen, die uns zur Verfügung stehen, ist es heute immer wichtiger zu selektieren, dabei aber immer nicht zu vergessen, dass auch Medien oftmals einen Standpunkt vertreten. Der westliche Medienkonsument gerät in Gefahr nicht die volle Tragweite eines Problems zu erkennen. Wie es einen westlichen Standpunkt gibt, so gibt es auch einen arabisch-islamisch geprägten Standpunkt, der ja ein anderer sein muss. Wir thematisieren den Holocaust in Deutschland. Im Iran stellte Präsident Ahmadinedschad eine Frage, die den Opfern des Nationalsozialismus wie Hohn vorkommen musste: Hat der Holocaust je stattgefunden? Hier gibt es eine wissenschaftliche Antwort, die historisch belegbar ist, was zweifellos auch Ahmadinedschad weiß. Viel spannender -und das verhallte in der deutschen Presse leider- ist der an die Frage geknüpfte Gedanke des iranischen Präsidenten: Wer ist dafür Verantwortlich und müsste nicht derjenige Lebensraum für die Juden schaffen? Natürlich ist das ahistorisch. Wir leben im hier und jetzt mit einem Staat Israel, doch zeigt dieser Gedankengang, dass es ein unterschiedliches Geschichtsbild bzw. Geschichtsbewusstsein gibt. Ziel dieses Blogs ist auch diese andere Perspektive darzustellen.

Das Motto dieser Seite "ex oriente" in Form einer arabischen Kalligraphie

Das Motto dieser Seite "ex oriente" in Form einer arabischen Kalligraphie

Nebenbei ist es mein Anliegen den Lesern Themen, die mit dem Orient und der arabisch-islamischen Kultur zu tun haben, nahezubringen. Hierbei ist es auch wichtig sprachlich deutlich und korrekt zu sein. Spricht man mit Deutschen über den Islam, dann benutzen sie aus Unwissenheit Vokabeln, die missverstanden werden können. Sie halten sich an unsere Medien, aber vorallem das Fernsehen leistet hier keine wissenschaftliche Aufklärung, denn sogar als “Terrorismus-Experten” getarnte Politikwissenschaftler glauben den internationalen Terrorismus sach- und fachgerecht mit der Religion des Islam in Verbindung bringen zu können, dabei simplifizieren sie lediglich, wobei mehr und mehr der Islam als Religion zum Feindbild schlechthin werden muss.

Glücklicherweise gibt es Menschen, die sich nicht aus unsachgemäßen Gründen (Selbstinszenierung in den Medien und Absatzsteigerungen am Büchermarkt) nebensächlich mit dem Islam beschäftigen, sondern jahrelang, ihr Leben lang wissenschaftlich mit dem Islam beschäftigen. Arabisten und Islamwissenschaftler kommen hierzulande aber nicht zu Wort, wenn es um den Terrorismus geht. Nein, schließlich würden sie regulierend wirken, differenzierend, aufklärend und hochgekochte Geschichten abkühlen lassen. Sie würden auf die Plakativität und die handwerklichen Fehler, zum Beispiel den Umgang mit der arabischen Sprache, hinweisen. Sie würden Topmeldungen relativieren und so die Einschaltquoten und den Absatzmarkt für die Presse gefährden, denn Menschen stehen auf Sensationen, Bildgewalt und damit letztendlich irgendwie doch auch auf Gewalt selbst.

Der Islamwissenschaftler an sich beschäftigt sich mit der gesamten arabisch-islamischen Kultur und ist mit vielen Feldern vertraut. Er setzt sich wissenschaftlich mit einer oder seiner (?) Kultur auseinander, dabei spielt es zuerst einmal keine Rolle, ob er dieser Kultur auch angehört oder nicht. er muss weder muslimisch, noch religiös überhaupt sein. Ich würde jedenfalls behaupten, dass all diese Attribute und Aspekte, die ihnen anhängen immer Vor- und Nachteile bringen, wenn man sich wissenschaftlich mit dem Orient bzw. der Religion des Islam auseinandersetzt.

Gleichgültig, ob man Religion einen existenziellen Platz in unserer Welt einräumt oder nicht: Seit den Anschlägen des 11. September 2001 steht die Religionsgemeinschaft der Muslime unter einem Generalverdacht. Dabei macht es keinen Unterschied, ob dies offen zum Ausdruck gebracht wird oder durch diskriminierende Sonderregelungen seitens der Politik. Die Abgrenzung zwischen der Religion des Islam und des Islamismus, der Religion lediglich als Instrument zur Erreichung politischer Ziele sieht, fällt vielen Menschen schwer, genauso die Stereotypen vom Muslimsein fallenzulassen. Leichter sind da Stammtischparolen anzubringen, die den von der Presse viel und falsch zitierten “Kampf der Kulturen” zeichnen, der (nur mal nebenbei erwähnt) in Samuel Huntingtons Original “The Clash (dt.: Zusammenprall) of Civilitations and the Remaking of World Order” heißt.

Vielleicht trägt diese Website dazu bei zwischen schwarz und weiß auch die Graustufen zu beleuchten. Wichtiger ist aber noch, dass Sie mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen und sich (weiter)informieren, aufklären, andere aufklären und kritisieren, und nicht zu bloßen Konsumenten für die Medien werden.

Ihr

Daniel Roters

Tag-Wolke