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"Staub im Blut" von Fereshte Teyfouri Hedjazi

Fereshte Teyfouri HedjaziFereshte Hedjazi (geb. 1945 in Tehran) hat in Münster Philosophie, Islamwissenschaft und Pädagogik studiert.Seit 1981 ist sie als Lehrbeauftragte für Neupersisch an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster tätig. Seit 1985 arbeitet sie zudem als staatlich vereidigte Dolmetscherin und Übersetzerin.Als Früchte ihrer schriftstellerischen Tätigkeit erschienen 1974 ein Gedichtbuch und 2005 eine Sammlung Kurzgeschichten.Seit 2004 ist sie Redakteurin der Internet-Zeitung „Meshkin Qalam“. Nebenbei ist sie die gute Seele des Instituts für Arabistik und Islamwissenschaft.
Die von ihr verfassten Kurzgeschichten decken grausame Realität auf, sprechen Misssände an und kritisieren menschliche Dummheit und Ignoranz, dennoch sind sie auch bilderreich, oft poetisch und voller Bilder, die einen so schnell nich wieder loslassen. Frau Hedjazi hat zugesagt immer wieder einige ihrer Kurzgeschichten zur Verfügung zu stellen, um diese Internetseite zu bereichern. Dafür bin ich persönlich ihr sehr dankbar! Die erste hier veröffentlichte Geschichte “Staub im Blut” können Sie nun im Folgenden hier lesen. Sollten Sie des Persischen mächtig sein, dann werden Sie über die Originalversion erfreut sein, die wir ebenfalls veröffentlicht haben. Viel Vergnügen!

Bei meiner Schönheit! Ich werde euch alle unter der einfarbigen Decke des Staubes versammeln…“
(Baha´u´llah, Die Verborgenen Worte, Nr. 74.)

Staub im Blut

A: Herr H, dieses Wort hat keinen Sinn, weil wir alle so sind. Ich meine, es wird zumindest keinen Sinn machen, es wird nicht so empfunden und verwendet werden. Können Sie sich das vorstellen?
H: Nein, Herr A.

B: Aber Herr A, Sie wissen ganz genau, daß nicht alle so sind, daß diejenigen, die diesen Staub in ihrem Blut haben, nicht so sind.
A: Herr B, warum zum Teufel haben sie das Wort benutzt?

B: Der Staub ist in meinem Blut. Das ist ein stolzes Gefühl.

C: Aber Herr B, Sie irren sich, Staub ist Staub. Wenn wir den Staub analysieren, finden wir keinen Unterschied.

B: Ich bestreite das. Staub ist nicht Staub!

A: Herr H, wie fühlen Sie sich?

H: Eingeengt. Wissen Sie, Herr A, ich war frei, ich arbeitete, ich aß, ich machte Spaziergänge, ich schaute die Dinge um mich an, ich sprach mit Menschen. Ich schrieb Buchstaben, ich verband sie miteinander, ich machte daraus Begriffe, schöne Begriffe, feine Begriffe, philosophische Begriffe, geistige Begriffe. Das hat Sinn gemacht, es gab Bedeutungen. Ich fühlte die Sprache in meiner Seele. O was für eine Freude! Wie frei ich war! Ja, Herr A, ich sprach mit Menschen, ohne an den Staub zu denken, ohne zu wissen, daß sie den Staub in ihrem Blut haben.
C: Das sollten Sie auch nicht, Herr H, denn Staub ist doch Staub.

B: Ich bestreite das. Staub ist nicht Staub!

A: Wollen Sie sagen, Herr H, daß Sie die schönen Dinge nicht mehr tun möchten?

H: Ja, Herr A. Ich tue sie nicht mehr, d. h. ich kann sie nicht mehr tun. Dazu fehlen mir jetzt die Motivation, die Courage, ach, sogar die Liebe.
A: Und wie fühlen Sie sich jetzt Herr H?

H. Eingeengt.
C: Wie meinen Sie, Herr H, eingeengt?

H: Der Begriff engt mich ein, läßt mich nicht frei sein. Er ist eine schwere Kette, die an mich geheftet ist, ein Haufen Termiten, die die Fäden meiner Gedanken kauen, eine Wand zwischen mir und den anderen Menschen, zwischen mir und Dingen. Ein Stein auf dem Weg nach vorne. Ja, Herr C. er läßt mich nicht mehr teilhaben, wie ich früher teilgenommen hatte.

C: Sie sind sehr empfindlich Herr H. Können Sie sich denn nicht vorstellen, daß Staub Staub ist, damit Sie sich nicht so grämen?
B: Ich bestreite das. Staub ist nicht Staub!

A: Woran können Sie nicht teilnehmen, Herr H?

H: An dem, was die Menschen sind, an dem, was sie anbieten, am Reichtum ihrer Wörter. Von diesem Reichtum hatte ich einen Teil. Dieser Teil wurde dann etwas von mir. Er war in meiner Seele. Etwas Geistiges ging auch von mir aus und wurde auch ein Teil des anderen. Das geschah mit vielen Menschen, mit bekannten, unbekannte auf direkte Weise, auf indirekte Weise, auf sichtbare oder unsichtbare Art. Ein Austausch, eine Teilnahme, nein viel mehr als das, eine gewisse – wenn auch begrenzte – Identität. Das war dieser Teil von mir, der sich darin ständig bewegte, neue Dinge holte, die ihn änderten. Entfaltungen waren da aufgrund dieser Teilnahme und Wachstum. Nun, Herr A, das ist ans Licht gekommen. Ich habe das Wort gehört. Es hat alles zerstört. Ich hätte nie gedacht, daß der Staub den Unterschied macht. Ich frage mich noch ungläubig: Macht der Staub wirklich den Unterschied? Verstehe ich das richtig?

B: Korrekt, ich habe ihn in meinem Blut. Das macht mich stolz.

C: Sie irren sich Herr B. Staub ist Staub. Der Staub macht keinen Unterschied. Herr H, es ist die Nase, die Nase macht den Unterschied, weil sie das will, weil wir so wollen.

B: Das bestreite ich, Herr C. Die Nase macht keinen Unterschied, sie kann keinen Unterschied machen.

C: Vergessen Sie nicht Herr B, daß die Nase individueller Natur ist, der Staub aber nicht.

A: Herr H, Sie sprechen im Imperfekt, wollen Sie damit meinen, daß Sie das, was Sie vor diesem Wort erlebt haben, die Teilnahme, die geistige Teilwerdung, die Identität nicht mehr haben?

H: So ist es, Herr A. Darum fühle ich mich auch eingeengt.

C: Sie sind sehr empfindlich Herr H. Wie kann ich Ihnen zeigen, daß Staub Staub ist, daß das ganze an der Nase liegt.

B: Ich bestreite das. Staub ist nicht Staub. Es liegt auch nicht an der Nase. Der Staub ist im Blut, in meinem Blut.

C: Herr B, der Staub kann nicht im Blut sein. Wenn man Ihr Blut mit dem Blut von Herrn H. zusammenmischt….

B: Um Gotteswillen…

A: Herr H, warum sehen Sie die Sache nicht vom anderen Ende?

H: Wie meinen Sie Herr A, von welchem Ende?

A: Sehen Sie Herr H, in Wirklichkeit sind Sie nicht derjenige, der eingeengt ist. Eingeengt sind diejenigen, die nicht teilnehmen und teilnehmen lassen. Das ist eine eindeutige Logik.

B: Was sagen Sie, Herr A? Ich lese sehr viele Bücher, dicke, dünne, schwere, leichte, englische, deutsche, arabische, französische, chinesische, hebräische, türkische, aramäische, lateinische, kurdische, griechische, literarische, theologische, lustige….

C: Sind Sie dadurch dick, dünn, schwer oder leicht geworden?

B: Wir wollen ernst sein und bei der Sache bleiben, Herr C!

A: Herr B, haben Sie sich gesehen oder die Verbindung der Buchstaben? Gibt es eine Bewegung?

B: Herr A, ich weiß nicht, was Sie meinen. Worauf wollen Sie hinaus?

C: Ganz einfach Herr B. Die Frage lautet: Können Sie sterben, wenn Sie verliebt sind? Das haben Sie z. B. gelesen.

B: Ich blicke gar nicht durch. Ich muß nicht sterben, wenn ich derartiges lese.

A: Herr H, Sie haben sich durch den geistigen Austausch bereichert. Meinen Sie, Herr B könnte das auch?

H: Es ist schwer zu sagen, Herr A. Wenn Herr B den Duft atmet, der die Buchstaben zusammen verbindet, wird seine Nase frei. Die Düfte der Freiheit fegen die Wörter, die so einengen, hinweg. Dann kann man frei atmen!

C: Ja, Herr A. Das haben Sie gesagt, es wäre dann nichts mehr in der Nase!

A: Auf Wiedersehen Herr B.

C: Auf Wiedersehen Herr B.

Das Persische Original:

 

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