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Islam-Hetze

Marwa El-Sherbini: Die unfreiwillige Märtyrerin im Krieg der Symbole

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marwaEin paar Türen vom Tatort entfernt begann am 26. Oktober 2009 der Prozess gegen den Mörder der jungen Ägypterin Marwa El-Sherbini, die am 1. Juli 2009 im gleichen Dresdener Gerichtsgebäude mit 18 Messerstichen vor den Augen des verhandelnden Richters regelrecht hingerichtet worden war. Die junge Frau war zu diesem Zeitpunkt im dritten Monat schwanger. Vorrausgegangen war der Tat ein Beleidigungsprozess, den Marwa angestrengt hatte, weil ihr Mörder sie im Sommer 2008 auf einem Dresdener Spielplatz als “Islamistin” und “Terroristin” beschimpft hatte. Marwa hatte lediglich gefragt ob der Mann, der eine Schaukel neben seiner Tochter besetzte, die eigene Schaukel freimachen würde, damit ihr Sohn Mustafa auch schaukeln konnte. Die Staatsanwaltschaft ging in Berufung, da der damals zu einer Geldstrafe verurteilte Täter Muslime als “nicht beleidigungsfähig” bezeichnet hatte.

Marwas Mann, Elwy Olkaz, wird dem kleinen Mustafa irgendwann erklären müssen warum seine Mutter starb, warum ausgerechnet in einem Gerichtssaal sterben musste, warum der Mörder seiner Mutter so handelte. Elwy Olkaz, der damals seiner Frau zur Hilfe eilen wollte und tragischerweise im Chaos der Ereignisse angeschossen wurde, weil man annahm, dass er seine Frau angreifen wollte, wird seinem Sohn nicht wirklich erklären können woher diese Feindlichkeit, dieser Menschenhass stammte.

Trauernde haben Blumen für die Verstorbene in Dresden niedergelegt.

Trauernde haben Blumen für die Verstorbene in Dresden niedergelegt.

Der ägyptischen Journalist Abdel-Moneim Said (”Al-Ahram”) schrieb zum Mordfall, dass es um Symbole ginge und meiner Meinung nach trifft das wirklich den Kern. Marwa El-Sherbini war eine junge gebildete Muslimin mit Universitätsabschluss, integriert in diese Gesellschaft, aber eben mit dem Kopftuch, welches für viele im Westen lediglich ein Symbol für etwas Fremdes, etwas Bedrohliches ist, etwas, dass vielleicht ein Gefühl von Unsicherheit auslöst, weil Medien wenig dazu beitragen die Religion des Islam differenzierter zu sehen und eher eine diffuse Stimmung verbreiten, dass der Islam, der viel vielfältiger ist als das man ihn auf einen Nenner bringen könnte, Wurzel des internationalen Terrorismus sei. Dabei ist die Wurzel des Terrorismus ein Konglomerat aus politischen Ambitionen, die unter das Fußvolk gebracht werden, wobei Religion ideal ist als Begründerin der Ambitionen, denn Religion an sich, und da ist der Islam keine Ausnahme, ist bedeutungsoffen, mythisch, bedient Emotionen und kann schließlich daher auch zu Konflikten führen.

Abdel Moneim Said hat auch den Karrikaturenstreit angeführt. Auch hier ging es um Symbole und Menschen, die einander verletzen wollten, indem sie Symbole angriffen. Im Karrikaturenstreit ging es um Zeichnungen des Propheten. Kritisiert wurde hier nicht so sehr, dass der Prophet des Islam an sich bildlich dargestellt wurde, sondern vielmehr die Art und Weise der Darstellung, die ihn in direkte Verbindung mit dem islamistischen Terrorismus brachte. Es ging nicht um Kunst, es ging auch nicht um Provokation, es ging viel mehr um Verletzung und um die Anrichtung von Schaden und Schmerzen in einem Krieg der Symbole. Ein Opfer ist Marwa El-Sherbini, die von ihrem Mörder zuallererst als Frau mit Kopftuch gesehen wurde. Vielleicht fragen wir uns was passiert wäre, wenn Marwa kein Kopftuch getragen hätte, aber an sich spielt dies keine Rolle, denn allein schon dieses Gedankenspiel zeigt doch auf welch unsachlicher Ebene wir diese und ähnliche Taten diskutieren. Wir dürfen uns nicht in diesen Krieg der Symbole hineinziehen lassen. Wir sollten desertieren, jetzt, sofort. Lassen wir uns nicht in Schubladen oder Kategorien stecken, in -Ismen, in öberflächliche Diskussionen um Kopftücher und die Bauhöhe eines Minaretts. Lassen wir uns nicht einreden wir seien verstrickt in einem “Kampf der Kulturen” oder von mir aus Zivilisationen. Wir müssen in unserer mehr und mehr globalisierten Welt doch eins feststellen: Wenn wir uns im Krieg befinden, dann befinden wir uns in einem Bürgerkrieg!

Auch die Reaktion beziehungsweise Nicht-Reaktion der Medien und der deutschen Politik spricht Bände. International sorgte der Mord an Frau El-Sherbini sofort für Schlagzeilen, nicht nur in der arabischsprachigen Welt. In Deutschland verschleierten die Medien den Hintergrund der Tat. Am selben Tag konnte man in den Nachrichten lediglich von einem Drama hören, dass sich in einem Dresdener Gerichtssaal abgespielt habe. Den Hintergrund der Geschichte bekamen wir erst Tage später serviert. Schließlich war es dann die negative Berichterstattung im Ausland, die die deutsche Politik dazu veranlasste tätig zu werden und Stellungnahmen abzugeben.

Wir sollten Symbole akzeptieren, sie annehmen, sie verstehen. Wir haben einen Verstand, um gedankliche Konzepte zu entwickeln und wir haben Münder, um diese Konzepte zu äußern. Ich denke es wäre an der Zeit dies auch zu nutzen, anstatt uns zu sehr auf Symbole zu konzentrieren, weil wir denken sie seien einfacher zu verstehen, universeller und vielleicht auch ökonomischer, weil sie Botschaften prägnant nach außen tragen. Ich glaube, dass wir uns zu sehr auf die Universalität von Symbolen verlassen und vergessen, dass Symbole kulturell geprägt sind und daher eben nicht universell und unmissverständlich sind.

Ein symbolhaftes Ereignis will ich dennoch hervorheben, denn es spiegelt doch wieder, dass wir jemanden aus unserer Gesellschaft verloren haben, eine respektable Frau, die sich zur Wehr setzte und es nicht akzeptierte, dass ihr Mörder auch ihrem Sohn Mustafa prophezeite, dass auch er, sobald erwachsen, ein Terrorist werden würde:

Das Fernsehen dokumentierte die Reaktionen und man zeigte trauernde Menschen. Auf den Blich hätte man vermuten können, diese Szenen spielten sich in Kairo ab, aber die ersten Gebete für die verstorbene Marwa El-Sherbini fanden nicht etwa in ihrem Geburtsland Ägypten statt, sondern in Deutschland, in einer Moschee im Zentrum von Dresden.

Discussion

One comment for “Marwa El-Sherbini: Die unfreiwillige Märtyrerin im Krieg der Symbole”

  1. Ich meine, der Vorgang wird unnötig politisiert. Allein die Persönlichkeitsstruktur des Täters rechtfertigt nicht mehr als eine kriminalistisch orientierte Abarbeitung der Mordtat. Hingegen scheint mir das gegenwärtige Politisieren völlig deplatziert.
    Die üblichen Akteure tauschen sich nach gängigem Muster aus. Da ist die islamische Welt, die schon wegen weit geringerer Vorfälle (wie etwa die Karikaturen) ihr Existenzgefüge bedroht sieht. Da ist der islam-ängstliche Westen und schließlich diejenigen, die jegliche kulturellen und religiösen Inkompatibilitäten in Deutschland in Abrede zu stellen versuchen und so gegenteilige Meinungen geradezu kriminalisieren.
    Alex aus Russland ist offenbar, die im Netz verfügbaren Informationen lassen darauf schließen, kein durch Intelligenz oder soziale Kompetenz in Erscheinung getretener Zeitgenosse. Auch ist bislang nicht bekannt, dass Alex ein Netzwerker im Sinne einer möglichen Zugehörigkeit zu den Rechten ist. Meines Erachtens ist dieser Alex schlicht ein nicht gesellschaftsfähiger Mörder, der weggesperrt gehört. Seinen dummen Aussagen wird hier durch Überinterpretation zugespielt.
    In der Konsequenz gefährdet die hier passierte Tragödie einmal mehr eines unserer besonderen Privilegien in Deutschland: die Meinungsfreiheit. Grundsätzlich kann man hier gegen alles sein, auch gegen Kopftücher speziell, die islamische Lebensart allgemein oder gar für den Stalinismus. Ich will diese Meinungs- und Gesinnungsfreiheit nicht durch Mörder und Berufsempörer gefährdet wissen.

    Posted by Nedzad Muslimovic | Oktober 30, 2009, 10:23

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