// you're reading...

Featured

Notes from the Underground: Iraner und Israelis tauschen sich online aus

Vor einigen Tagen bin ich durch Recherchen auf einen Artikel von Ido Hartogsohn gestoßen. Er hat einen Artikel über die Verbindung von iranischen und israelischen Bloggern geschrieben. Ursprünglich schrieb er seinen Artikel in hebräisch. Die kanadisch-israelische Bloggerin Lisa Goldman, die Ido interviewt hat, hat seinen Artikel ins Englische übersetzt und in ihrem Blog veröffentlicht. Mittlerweile hat auch Idos Interviewpartner, der iranische Blogger Arash Karmangir den Artikel ins Persische übersetzt und auf seinem Weblog veröffentlicht. Ich habe daraufhin Ido gebeten seinen Artikel ins Deutsche übertragen zu dürfen. Das Ergebnis können Sie im Folgenden lesen. Dies ist also eine Art multinationales Joint-Venture für den Frieden geworden. Vielleicht findet sich jemand für eine arabische Version? Kommentare erwünscht!

***

Am 25. Januar hat das Netvision Institute der Universität von Tel Aviv die dritte Konferenz zum Kampf für die Aufrechterhaltung der Informationsfreiheit im Internet ausgerichtet. Das Hauptthema war der Iran: Wie ist die Einstellung Irans zum Internet, iranische Hacker und auch die Zunahme der Internet-Weblogs (Alle zusammen werden auch als “blogosphere” bezeichnet) im Iran.

Die Konferenz blieb von den Iranern nicht unbemerkt. Fünf Tage später am 30. Januar, hat die iranische Internetseite Khedmat, die dem iranischen Ex-Präsidenten Khatami nahesteht, einen Artikel veröffentlicht. Er titelte: “Zionisten äußern ihr Interesse zum Thema Internet im Iran”.

“Das Internet im Iran und die vielen unterschiedlichen Facetten waren das Thema einer Konferenz in der Universität von Tel Aviv im besetzten Palästina”, berichtete die Khedmat. “Die Konferenzteilhehmer diskutierten über die Rolle des Internet in der heutigen Gesellschaft und auch über Kämpfe, die im Internet ausgetragen werden. Auch Internetblogs, Rapmusik und die Rolle des Inernets als Erschafferin von neuen Musikrichtungen, die die westliche Kulture imitieren, waren die Themen, an denen die Zionisten Interesse fanden.”

Weiterhin berichtete der Artikel, dass ein Komittee aus “zionistischen Experten” den eingeschränkten Zugang Irans zu einigen Internetseiten kritisiert habe.

Israel ist ein Konzept, welches nicht existiert

Seit Jahren beschäftigen sich israelische Medien mit der lebendigen iranischen Blogger-Szene. Neben anderen Themen wurde der Besuch des iranischen Bloggers Hossain Derakhshan (hebräisch) in Israel von vielen internationalen Medien erwähnt. Aus der Sicht des israelischen Lesers stellen die iranischen Blogger eine angenehm andere Quelle für Informationen über den Iran da, eine Quelle, die freundlicher und eine weniger aggressive Haltung gegenüber Israel pflegt. Über die Jahre wurde die iranische Blogger-Szene als die andere Stimme der iranischen Gesellschaft dargestellt, die von israelischen Medien üblicherweise als geschlossen und extremistisch dargestellt wurde.

In letzter Zeit ist die iranische Blogger-Szene das Thema von Studien in Israel. Beispielsweise hat Dr. Liora Handelmann-Bavor in ihrer Äußerung in der Netvision-Konferenz gesagt, dass “die Versuche des [iranischen] Regimes die Blogger-Szene zu untedrücken gescheitert sind”, seitdem vor acht Jahren das erste persiche Blog gegründet wurde. Dr. Handelmann-Bavor sagte auch, dass die iranische Blogger-Szene eng verbunden ist mit einer alternativen Kultur, wie dem Phänomen Graffiti oder auch Straßenkunst generell.

Und jetzt scheint sich der Iran durch den Artikel der Khedmat bewusst zu sein, dass sich Israel für die iranische Blogosphäre interessiert.

Laut Arash Kamangir, einem iranischen Blogger, in Kanada lebend, seien sich aber nur wenige der iranischen Blogger des Interesses bewusst, welches sie in Israel ausgelöst haben. “Sie wissen vielleicht, dass der Begriff “Israel” in der offiziellen Sprache des iranischen Regimes nicht existiert. Sogar in meinem Reisepass steht, dass ich nicht in das ‘Besetzte Palästina’ reisen darf”, schrieb er als Antwort auf die Fragen, die ich ihm zuvor via eMail zugesendet hatte. “Der durchschnittliche iranische Blogger ist sehr angespannt, wenn es darum geht als Person bekannt zu sein, die ‘in Kontakt mit Israelis stehen’. Ich denke, dass der sehr interessante Vorfall, der vor einiger Zeit passierte die ganze Situation ganz gut beschreibt.”

Als Ahmadinedschad zu WordPress kam

Um zu zeigen, wie vorsichtig iranische Blogger im Umgang mit Kontakten aus Israel umgehen müssen, hat Kamangir eine Annekdote über einen Vorfall zum Besten zu geben, der sich letzten Sommer zutrug und witzig und zugleich traurig erscheint. Dieser Vorfall illustriert wie sich normale Bürger von Feindesstaaten in Kontakt kommen, ungeachtet der zögerlichen Art und Weise.

“Ein Freund von mir schreibt einen Blog über Technik”, erinnert sich Kamangir. “Und ein sehr hilfreiches Plugin (Werkzeug) für dieses System nennt sich FireStats, entwickelt von einem israelischen Blogger. Als mein Freund das Plugin benutzte, war er so begeistert von den vielen nützlichen Funktionen, dass er einen Kommentar schrieb, auf Persich natürlich. Am nächsten Tag fand er heraus, dass sein Blog von einer hebräischen Website aus besucht wurde. Es stellt sich heraus, dass die israelischen Blogger verblüfft sind, dass ein Iraner ihr Plugin benutzt, also schreiben sie einen hebräischen Kommentar, der auf english übersetzt ‘Die Formel für Frieden mit dem Iran’ hieß.”

Omri, der israelische Blogger, der den Beitrag von Karmangis Freund mit dem Technik-Blog entdeckt hatte, schrieb einen amüsanten Beitrag, welcher ein imaginäres Gespräch des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad und den iranischen Führern beschreibt. In diesem imaginären Meeting wurde der iranische Präsident gewarnt Israel anzugreifen, weil das Plugin FireStats in Givatayim, Israel entwickelt wird und so im Falle der Vernichtung Gush Dans (Großbereich Tel Aviv) keine neuen Versionen des Plugins hergestellt werden würden.

Einer der israelischen Leser dieser Geschichte besuchte die iranische Website und hinterließ einen Kommentar auf hebräisch. Dieser hat den iranischen Blogger ein wenig ausflippen lassen. Er löschte den Kommentar, besuchte die israelische Website und fragte nach einer Erklärung für das, was da über ihn geschrieben wurde. Und so begann die Diskussion zwischen iranischen und israelischen Bloggern in unbeholfenem Englisch. Aber ein utopischer Dialog, der die “Feinde” vereint durch das Zustandekommen eines amüsanten Austausches über Politik und WordPress [Anm. Daniel Roters: Auch dieses Blog benutzt WordPress] kann nur so weit gehen, wie es geschehen ist…

“Ich habe einen Artikel geschrieben mit dem Titel ‘Iranisch-israelischer Frieden durch ein WordPress-Plugin”, erinnert sich Arash. “Wegen der Sensibilität des Themas fragte ich meinen Freund um Erlaubnis zur Veröffentlichung. Die Antwort war sehr kurz: “Arash, du weißt: Das kann gefährlich werden.’”

Also können iranische Blogger nicht öffen über israelische Blogger schreiben?

“Wenn sich iranische Blogger einer Selbstzensur unterwefen, wenn es darum geht die gleiche Leidenschaft für Skripte und anderen Computer-Kram mit israelischen Bloggern zu teilen, dann ist das öffentlich machen des Interesses der Israelis für die iranische Blogosphäre unsachgemäß.”

Warum bist du dann nicht vorsichtiger, wenn es darum geht mit israelischen Bloggern in Kontakt zu treten?

“Ich lebe außerhalb Irans, in Kanada. Es gibt da ein persisches Sprichwort: “Wenn du ertrinkst spielt es keine Rolle, ob es ein Meter oder hundert sind.”

Beiträge aus dem Untergrund

Die Schätzungen über die Anzahl der Blogs im Iran reichen von 170.000 bis zu 700.000. Das sind sicherlich beeindruckende Zahlen, aber Kamangir sagt, dass sie keine genaue Widerspiegelung der iranischen Gesellschaft sind, gerade weil die Menschen aus den weniger entwickelten Gebieten nicht repräsentiert werden. “Die Meisten der iranischen Blogger sind Studenten der Mittelklasse”, schreibt er. Kamangir nach neigen die iranischen Blogger eher dazu liberal zu sein als der Rest der Bevölkerung.

Desweiteren verdeutlicht Kamangir die Wichtigkeit der Differenzierung zwischen den Ansichten des iranischen Regimes und der ganz gewöhnlichen Menschen. “Ein Freund der vor ein paar Tagen aus dem Iran sagte mir, dass es ziemlich üblich sei, Iraner dabei beobachten zu können, wie sie das Regime kritisieren, sogar mittels Schimpfwörtern, im öffentlichen Verkehr.

“Zugleich”, fährt Kamangir fort, “sind der Großteil der Iraner über Jahrzehnte der Propaganda des Regimes ausgesetzt gewesen und sind so ungewollt und in vielen Aspekten Botschafter dieses islamischen Wesens geworden. Da ist ein großer Unterschied zwischen einem Iraner, der in Iran lebt und einem, der die Erfahrung hat in einer freien Gesellschaft wie Kanada zu leben.” Wenn Iraner das Land verlassen, dann “beginnen sie sich zu fragen, was sie vom Regime über Jahre geschluckt haben und fangen an unabhängig nachzudenken”, so Kamangir.

“Die Blogs der iranischen Studenten außer Landes spielen für diese ‘neu geborenen Iraner’ eine bedeutende Rolle”, schreibt er. “Glücklicherweise ist der Trend des freien, unabhängigen Denkens nicht auf die Iraner, die außer Landes leben, beschränkt. Es gibt eine Vielzahl von Blogs von Iranern innerhalb des Irans, die auf grundlegende Art und Weise die offiziellen Angaben des Regimes hinterfragen. Interessanterweise decken deren Texte die gesamte Bandbreite von Themen von der Lehre des Islam, über Menschenrechte bis hin zu Sex ab.”

Ein anderes Bild von Israel

Auch wenn die Zeit und die Umstände noch nicht reif sind für einen Zusammenschluss von iranischen und israelischen Bloggern gegen die Feindschaft zwischen dem iranischen und dem israelischen Regime, schreibt Kamangir, “so sind doch starke Verbindung zwischen der iranischen und der israelischen Blogosphäre geschaffen worden. Die stärkste Verbindung, die mir bekannt wäre, ist die mit Lisa Goldman und ihrem Blog, On the Face. Von Zeit zu Zeit übersetze ich ihre Artikel ins Persische und die Statistiken meiner Website, die auch durch das Plugin FireStats erstellt werden, zeigen mir, dass viele meiner Besucher ihre Beiträge leidenschaftlich verfolgen. Natürlich gibt es da andere israelische Blogs, die die iranischen Blogger verfolgen, aber Lisa Goldman ist für viele iranische Blogger mit denen ich gesprochen habe so etwas wie eine Ikone geworden.”

“Die israelische Blogosphäre in englischer Sprache ist für Iraner ein Fenster mit dem Blick auf die israelische Gesellschaft”, sagte Lisa Goldman in einem Interview für Nana10. “Deswegen übersetze ich Texte aus hebräisch-isralischen Blogs ins Englische, um einen anderen Ausblick möglich zu machen, denn die meisten interessanten Dinge, die über Israel geschrieben werden, sind nur in hebräischer Sprache verfasst.

Goldman, gebürtige Kanadierin und freiberufliche Journalistin, sprach über einige faszinierende Begegnungen, die durch die Verbindung der israelichen und iranischen Blogosphäre möglich gemacht wurden.

“Ich bekomme eMails von Iranern. Es ist als ob sie uns wissen lassen möchten, dass sie nicht das sind, zu was sie die Medien machen und ich hatte einige faszinierende Begegnungen. Da war jemand aus Teheran mit dem ich über einen, Messenger gechattet habe. Er war ein intelligenter, belesener Mann mit einem ausgezeichnetem Englisch. Wir chatteten über die Situation im Iran, die Wahlen, über Demokratie und Israel, über das er bemerkenswert gut informiert war. Er sprach sogar ein wenig hebräisch. Er weigerte sich aber mir seinen wirklichen Namen zu verraten und er war ziemlich paranoid. Jedes Mal, wenn er sich einloggte nutzte er einen anderen Computer und ein anderes Pseudonym. Ich habe mich gefühlt, als ob ich Nachrichten vom Widerstand erhielte. Dies war eine beeindruckende Erfahrung. Dann verschwand er plötzlich und ich habe seitdem nie wieder etwas von ihm gehört.

Wie finden iranische Blogger deinen Blog?

Schau, ich versuche ein menschlicheres, komplexes und differenziertes Bild isralischen Lebens zu zeigen. Sie stecken irgendwie hinter einer Version des Mittleren Osten des Eisernen Vorhanges fest, aber sie sind neugierig auf uns. Sie wollen mehr herausfinden und es ist, als ob sie ihre Hände durch den Eisernen Vorhang strecken. Die Tatsache, dass ich nicht nur über Politik, sondern auch über das alltägliche Leben in Tel Aviv schreibe, eine lebendige, moderne Stadt, die sie so in den Massenmedien nie zu Gesicht bekommen würden.”

Weniger Gründe einander zu töten

So sind Blogs ein Weg um einen unvermittelten Kontakt zwischen Iranern und Israelis herzustellen, die wie es manchmal scheint, von Politikern geführt werden, deren Karrieren auf ein Art beiderseitiges Abkommen basiert, welches zum Inhalt hat kriegerische Drohungen an die jeweilig andere Seite auszusprechen. Wenn die Medien auf der einen Seite dem Regime dienen, auf der anderen Seite reißerische Schlagzeilen über die Bedrohung durch iranische Nuklearsprengköpfe veröffentlicht, dann könnte die Blogosphäre vielleicht eine alternative Informationsquelle darstellen.

Eli Cohen, ein leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Netvision Institut sagt, dass “das Internet Verbindungen zwischen Individuen und Kulturen herstellt. Wenn erst einmal die politischen Landminen beseitigt sind, ist es mit Hilfe des Internet möglich wundervolle Beziehungen zwischen einzelnen Menschen herzustellen und zu sehen, dass eure Sorgen und Freuden sehr ähnlich sind.

Auch Goldman sieht Blogs als Werkzeuge, um Verständnis zwischen Menschen zu schaffen. “Wir müssen einen Weg finden die vorgefassten Häppchen und die eindimensionale Berichterstattung der Massenmedien hinter uns zu lassen”, sagt sie. “Sie erhalten Konflikte lediglich aufrecht. Wenn du aber eine Stimme von der anderen Seite hörst, dann kann das ein Anfang sein.”

“Ich bin weder Soziologe, noch Philosoph, aber ich weiß, dass Menschen weniger Gründe finden einander zu töten, wenn sie miteinander reden”, stimmt Kamangir zu. “Und das ist das, womit Blogging und so freigiebig versorgt.”

Discussion

3 Responses to “Notes from the Underground: Iraner und Israelis tauschen sich online aus”

  1. I do thank you for the time you have spent translating this, rather long, piece. Now it has been published in Hebrew, English, Persian, and German. I couldn’t have asked for more.

    Posted by Kamangir | 22. März 2008, %H:%M
  2. Daniel, thank you so much for this. Like Kamangir, I am delighted to see the piece translated into German.

    Posted by Lisa | 23. März 2008, %H:%M
  3. sehr interessant, danke für diesen Artikel

    Posted by hans | 28. Mai 2009, %H:%M

Post a comment


6 + = 7

Kürzliche Trackbacks

Besucher

ex oriente freut sich über 1 Besucher am heutigen Tag.